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Zurück aus der Versenkung

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Jule Niemeier

Sie galt einst als die kommende deutsche Topspielerin, hatte die damalige Weltranglistenerste Iga Swiatek bei den US Open 2022 am Rande einer Niederlage und feierte kurz zuvor beim (aus Punktesicht leider wertlosen) Turnier von Wimbledon erstmals den Einzug in ein Grand Slam-Viertelfinale. Jule Niemeier war auf dem Weg zu einer großen Karriere, doch die Erwartungen, die danach in sie gesetzt wurden, haben sich für die damals 23-Jährige als zu hoch herausgestellt.

Auch die Zusammenarbeit mit Trainer Christopher Kas, der sie insgesamt 16 Monate lang betreute, trug nicht mehr die Früchte, wie es noch zu Beginn dieser Partnerschaft der Fall war. Das Jahr 2023 war geprägt von einer Niederlagenserie nach der anderen. Den Tiefpunkt erlangte Niemeier dann bei den US Open, bei denen sie es bereits nicht mehr direkt ins Hauptfeld schaffte und stattdessen direkt in der ersten Qualifikationsrunde an der Griechin Despina Papamichail sang- und klanglos scheiterte. Diese Niederlage besiegelte auch das Ende der Zusammenarbeit mit Kas, das viele bereits früher schon erwartet hatten. Bis zur Trennung standen 2023 bei der Dortmunderin 12 Siege 27 Niederlagen gegenüber. Die Rückkehr in die Top 100, aus denen sie erstmals im Juni gefallen war, schien langsam in weite Ferne zu rücken. Nun sollte ihr Michael Geserer als Trainer neue Impulse verleihen.

Dass jedoch auch ein Trainerwechsel alleine keine Wunderdinge bewirken kann, musste Niemeier in der Folgezeit am eigenen Leib erfahren. Immerhin war sich die ehemalige Nummer 61 der Welt nicht zu schade dafür, einen Schritt zurück zu machen und auf der ITF World Tennis Tour anzutreten. Hier sollten ihr Siege zu neuem Selbstvertrauen verhelfen. Diese Vorgehensweise sollte sich auch auszahlen. Beim W100-Turnier im mexikanischen Irapuato erreichte die Dortmunderin das Finale, beim darauffolgenden W50-Turnier in Morelia scheiterte sie ebenfalls erst spät an der Spanierin Jessica Bouzas Maneiro.

Auch auf WTA-Ebene zeigten sich erste Lichtblicke. Beim WTA 500-Turnier in San Diego überstand Niemeier nicht nur die Qualifikation, sie kämpfte sich vor bis ins Achtelfinale, in dem die topgesetzte US-Amerikanerin Jessica Pegula das bessere Ende für sich hatte. Der Aufwärtstrend hielt dennoch weiter an. In Wiesbaden schaffte sie es erneut in ein Finale, beim WTA 125-Turnier in Parma folgte noch ein weiteres Halbfinale. Es sah also vieles danach aus, als sollte bei Niemeier, die Mitte 2024 wieder die Top 100 knackte, die Wende erreicht sein.

Doch in der zweiten Saisonhälfte zeigte sich dann wieder ein anderes Bild. Erstrundenaus in Berlin, zweite Runde in Bad Homburg und Wimbledon, danach jeweils direkt raus in der Qualifikation von Washington und Toronto. Ausgerechnet bei den US Open erlangte Niemeier nach schwierigen Monaten doch noch überraschend ungeahnte Berühmtheit, als sie als einzige deutsche Spielerin überhaupt ein Match im Hauptfeld gewinnen konnte und dadurch verhinderte, dass das deutsche Frauentennis zu dieser Zeit nicht komplett in der Versenkung ohne eine einzige Spielerin in den Top 100 verschwand. Niemeier selbst konnte aus dem überraschenden Einzug in die dritte Runde der US Open im übrigen kein weiteres Kapital schlagen. Das Jahr beendete sie mit fünf Niederlagen in Folge auf Platz 89.

Die vergangene Saison konnte ebenfalls nicht die Erwartungen, die Niemeier an sich hatte, erfüllen. Nach insgesamt acht Auftaktniederlagen im ersten Halbjahr mit nicht einem einzigen erreichten Viertelfinale zog die Dortmunderin nach dem Scheitern in der Qualifikation von Wimbledon erneut drastische Konsequenzen und trennte sich von Coach Michael Geserer. Die verbleibende Saison konnte dieser Schritt jedoch nicht retten. Nachdem sie im September 2025 aus den Top 200 gefallen war, erklärte sie wenige Wochen später nach einer Auftaktniederlage in Quinto do Lago (W75) gegen Jana Fett ihre Saison frühzeitig für beendet. Warum man sie später im November noch für den Billie Jean King Cup in Ismaning für Laura Siegemund nachnominiert hat, bleibt das Geheimnis des DTB.

In diesem Jahr verschärfte sich die Situation um Niemeier drastisch. Zu verteidigen hatte sie ohnehin nicht mehr allzu viel, doch auch diese verbliebenen Punkte verabschiedeten sich nach und nach. Den Tiefpunkt in der laufenden Saison bildete eine Serie von sechs Auftaktniederlagen im Frühjahr. Niemeier war mittlerweile aus den Top 200 gerutscht und meldete in ihrer verständlichen Verzweiflung für Turniere der Kategorie W35. Diese Herangehensweise entpuppte sich als nicht die schlechteste Idee. Nach fast zwei Jahren spürte die Dortmunderin wieder, wie es sich anfühlt, in einem Viertelfinale zu stehen. Punktemäßig half dies ihr zwar nur bedingt, doch muss man ihr zugute halten, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt hatte, auch wenn es im weiteren Verlauf dieser Saison sogar noch außerhalb der Top 500 gehen sollte, da sämtliche Versuche im Frühjahr bei höher angesiedelten Turnieren erfolglos blieben.

Doch seit kurzem, nachdem sie die Niederungen der W35-Kategorie wieder verlassen hatte, ist ein deutlicher Aufwärtstrend bei der 26-Jährigen erkennbar. Dank einer Wildcard nahm sie an der Qualifikation in Hamburg teil und meisterte diese mit Bravour. Trotz dieses kleinen Erfolgserlebnisses war sich die Dortmunderin nicht zu schade dafür, in dieser Woche in der Qualifikation beim W50-Turnier im belgischen Knokke-Heist an den Start zu gehen. Hier steht sie mittlerweile im Viertelfinale und trifft heute auf die Qualifikantin Daria Yesypchuk.

Ein dickes Ausrufezeichen setzte sie jedoch am gestrigen Tag, als sie im Achtelfinale die Ukrainerin Anastasiia Firman mit 6:0 und 6:0 in 54 Minuten vom Platz fegte. Nun mag Firman vielen Tennisfans kein Begriff sein, die 19-Jährige steht aktuell nur auf Platz 632 der Welt und musste ebenso den Gang über die Qualifikation nehmen. Die Ukrainerin tritt bei Turnieren häufig im Doppelwettbewerb an der Seite der Nordhornerin Josy Daems an, mit der sie auch schon den einen oder anderen Doppeltitel hat einheimsen können. Gegen Niemeier reichte es gestern jedoch nur zu 19 Punktgewinnen - ein weiteres Indiz dafür, dass sich die Dortmunderin wieder auf dem richtigen Weg befindet, auch wenn dieser noch ziemlich lang sein wird. Der erste Schritt hin zu besseren Zeiten ist jedenfalls gemacht und die Top 500 sind auch wieder in Reichweite.


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