Wer macht das Rennen um die deutsche Nummer eins?
Wirft man aktuell einen Blick auf die Weltrangliste, so ergibt sich aus deutscher Sicht ein eindeutiges Bild. Auf Platz 49 steht als beste Deutsche die Hamburgerin Tamara Korpatsch, danach kommt lange nichts, ehe auf Platz 80 Tatjana Maria auftaucht. Vieles spricht also auf den ersten Blick dafür, als wären die Kräfteverhältnisse bei den deutschen Damen klar geregelt. Doch der Eindruck täuscht. Korpatschs Platz an der Sonne zum Saisonende ist noch längst nicht in trockenen Tüchern.
Mit 1103 Punkten führt die 31-Jährige die deutsche Rangliste an und liegt somit aktuell über 200 Punkte vor Tatjana Maria, die momentan auf 894 Zähler kommt. Allerdings hat Maria bei diesem Zweikampf einen entscheidenden Vorteil. Die 39-Jährige hat in diesem Jahr lediglich noch 49 Punkte aus ihrem Halbfinaleinzug aus Suzhou zu verteidigen und selbst, wenn ihr dies nicht gelingen sollte, würden die 49 Punkte mit 30 anderweitigen ersetzt. Man könnte also sagen, Marias jetzige Punktzahl in der Weltrangliste ist auch zum Jahresende fix, sie könnte höchstens noch nach oben gehen.
Anders sieht die Sachlage bei ihrer acht Jahre jüngeren Landsfrau aus. Für Tamara Korpatsch geht die Punkteverteidigung jetzt erst richtig los. Das Halbfinale beim WTA 125-Turnier in San Sebastian fiel diese Woche heraus, zudem kommen noch ein Viertelfinale in Caldas da Rainha, ein Viertelfinale in Jiujiang, der W50-Turniersieg in Funchal, das Viertelfinale in Trnava und ein Finaleinzug in Angers. Das alles steht aktuell noch bei ihr im Ranking zu Buche und wird bis zum Jahresende gestrichen. Kein Wunder, dass das Rennen um die deutsche Nummer eins spannender ist als es im ersten Moment aussieht.
Um einen genaueren Überblick auf den aktuellen Stand zu bekommen, hätte es bis vor einigen Jahren genügt, wenn man das offizielle WTA-Race zu Hilfe genommen hätte und bei den Ländern nach Deutschland filtert. Dann hätte man auf einen Blick gesehen, wieviele Punkte Korpatsch und Maria in diesem Jahr wirklich trennen. Da aber die WTA auf die zweifelhafte Idee gekommen ist, nur noch Punktewertungen von Turnieren der Kategorien WTA 250 und höher ins Race einfließen zu lassen, ist dies faktisch nutzlos geworden, da es nur noch dazu zu gebrauchen ist, um zu schauen, welche Spielerinnen sich am Jahresende für die WTA Finals qualifizieren. So kommt es auch, dass dort gerade einmal 14 deutsche Spielerinnen zu finden sind und dies kurz vor Saisonende. Also hilft alles nichts. Wenn man wissen will, wie es zwischen den beiden Deutschen aktuell steht, muss man eben sich selbst behelfen.
Die Regeln sehen vor, dass im Ranking die vier Grand Slam-Turniere, bis zu sieben Pflichtturniere, sowie weitere Wertungen in die Berechnung mit einfließen, insgesamt jedoch nicht mehr als 18. Im Falle von Korpatsch gehen neben ihren Punkten aus den vier Grand Slam-Turnieren nur drei Wertungen aus Pflichtturnieren ein, da sie zu Beginn des Jahres hierfür schlichtweg im Ranking noch zu niedrig stand. Daher kann sie anstelle der üblichen sieben momentan sogar elf sonstige Punktgewinne einbringen. Allerdings hilft ihr dieser Umstand aktuell kaum, da die letzten beiden Wertungen allesamt nur einen einzigen Punkt umfassen.
Anders sieht es bei Tatjana Maria aus. Da die Bad Saulgauerin zu Jahresbeginn noch unter den Top 50 stand, hatte sie gar keine andere Wahl als bei allen Pflichtturnieren, für die sie durch ihr Ranking automatisch qualifiziert war, anzutreten. Dies hatte in ihrem Fall nun zur Folge, dass bei ihr aktuell neben den Grand Slam-Turnieren vier weitere 10-Punkte-Wertungen zu Buche stehen, die sie nicht durch höhere Punktzahlen ersetzen kann. Dafür machen sich ihre vielen Turnierteilnahmen in dieser Saison bezahlt. Die niedrigste Wertung unter den Sonstigen liegt bei ihr bei 30, heißt jedoch im Umkehrschluss, dass sie beispielsweise bei WTA 250-Turnieren mehr als nur einen Auftaktsieg benötigt, um punktetechnisch nachlegen zu können.
Die Punktzahlen der beiden im Überblick:
| AO | RG | WI | US | PT | PT | PT | PT | PT | PT | PT | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | ges. | |
| Korpatsch | 30 | 130 | 10 | 10 | 35 | 30 | 10 | 250 | 163 | 85 | 81 | 21 | 20 | 15 | 15 | 9 | 1 | 1 | 916 |
| Maria | 10 | 10 | 70 | 70 | 35 | 35 | 20 | 10 | 10 | 10 | 10 | 163 | 125 | 98 | 85 | 54 | 30 | 30 | 875 |
Für Korpatsch als Top 50-Spielerin stehen mit Peking und Wuhan noch zwei Pflichtturniere an, womit sie mindestens noch einmal 18 Punkte mehr auf ihr Konto erhält. Maria hingegen kann nur noch ihre hinteren Punktzahlen übertreffen, da ihre sonstigen Pflichtturnierwertungen allesamt erst im kommenden Jahr gestrichen werden. Daher spricht aktuell vieles dafür, dass die Hamburgerin am Ende vor ihrer Landsfrau ins Ziel kommt. Doch bei der für ihre clevere Turnierauswahl bekannten Bad Saulgauerin muss man in den kommenden Wochen immer mit einem unvorhergesehenen Lauf rechnen, schließlich stehen noch etliche WTA 125-Turniere in Südamerika im Kalender und dort ist die 39-Jährige immer zu den Mitfavoritinnen zu zählen. Es bleibt also weiterhin spannend.