Schöne neue Tenniswelt
Turbulente Zeiten liegen hinter den deutschen Tennisfans. In den vergangenen Wochen hat sich so vieles bei den deutschen Tennisdamen getan, dass man beinahe den Überblick verliert. Dabei geht es nicht nur um die Veränderungen an der Spitze, der Nachwuchs macht in letzter Zeit ebenfalls immer mehr von sich reden. Auch sonst schreibt so manche Spielerin, die man jetzt nicht unbedingt im ersten Moment noch als deutsches Nachwuchstalent bezeichnen würde, an ihrer eigenen Geschichte.
Die meiste Aufmerksamkeit dessen, was in jüngster Vergangenheit im deutschen Frauentennis geschehen ist, erhielt der Wechsel an der Spitze der deutschen Rangliste, die seit drei Wochen mit einer kleinen Ausnahme von der 31-jährigen Tamara Korpatsch angeführt wird. Seit letztem Montag hat sie diese Spitzenposition dank ihres Turniersiegs in Hamburg endgültig manifestiert und ist erstmals in ihrer Karriere in die Top 50 der Weltrangliste eingezogen. Damit liefert sie einen weiteren Beweis dafür, dass Erfolg im Tennissport keine Frage des Alters ist.
Heimlich, still und leise hat sich in den letzten Monaten auch Noma Noha Akugue nicht nur zurück in den Kreis der Grand Slam-
Qualifikantinnen gespielt, sondern hat sich auch nebenbei in der Weltrangliste so weit nach oben gespielt, wie sie zuvor nicht einmal zu ihren besten Zeiten stand. Jahrelang schien die 142 wie in Stein gemeißelt zu sein, doch dank ihrer beiden Turniersiege in Altenkirchen und Wiesbaden sowie ihren darauffolgenden Leistungen bei diversen WTA 125-Turnieren hat sie es sich mittlerweile auf Platz 137 bequem gemacht und dürfte nun den nächsten Anlauf in Richtung Top 100 der Welt nehmen.
Noch nicht auf Augenhöhe mit Noha Akugue, doch immerhin klar auf dem Weg nach oben, befindet sich seit einiger Zeit Mina Hodzic. Die 24-Jährige hat sich in diesem Jahr dank konstanter Leistungen sukzessive in der Weltrangliste verbessert und nähert sich nun dem Bereich, in dem man zur Teilnahme an der Qualifikation bei einem Grand Slam-Turnier zugelassen wird. Die Top 300 hat sie seit einer Woche bereits geknackt und die Chancen, dass es für die Moerserin noch deutlich weiter nach oben geht, stehen ausgezeichnet.
Richtig gut läuft es auch in diesem Jahr für Julia Stusek. Die 18-Jährige startete das Tennisjahr noch außerhalb der Top 700 und darf rund ein halbes Jahr später ebenfalls schon von der Teilnahme an einem Grand Slam-Turnier in absehbarer Zeit träumen. Der Höhepunkt in ihrer bisherigen Karriere, der Titelgewinn in Klosters, liegt gerade einmal wenige Wochen zurück. Erst vorige Woche setzte sie erneut ein dickes Ausrufezeichen mit ihrem Erfolg in Hamburg gegen Nadia Podoroska.
Was in letzter Zeit sehr zur Freude der deutschen Tennisfans auffällt, sind die vielen Neueinsteigerinnen, die es in der Weltrangliste in den letzten Wochen gegeben hat, sowie diese, die in Kürze noch folgen werden. So feierte beispielsweise vor drei Wochen die 15-Jährige Sophie Triquart dank ihrer Leistungen in Aschaffenburg ihre Weltranglistenpremiere und liegt aktuell mit acht Punkten auf Platz 1332. Erst vergangenen Montag debütierte die 17-jährige Francesca Parcelli auf Platz 1115, nachdem sie in Horb erstmals in ihrer noch jungen Karriere ein Viertelfinale auf der Tour erreichen konnte und somit insgesamt auf 14 Punkte kommt.
Für die wohl größte Überraschung aus deutscher Sicht sorgte in den vergangenen Wochen die erst 16-jährige Victoria Brand. Die Mannschaftskollegin von Tessa Brockmann beim TC an der Schirnau benötigte gerade einmal die beiden aufeinanderfolgenden Turniere von Darmstadt und Hamburg, um ihr Punktekonto von null auf 23 zu stellen und in dieser kurzen Zeit nicht nur in die Weltrangliste, sondern zudem in die Top 1000 einzuziehen. Parallel mit Brand debütierte auch die amtierende westfälische Meisterin Leticia Solakov in der Weltrangliste. Die 18-Jährige aus Herne hat es in dieser Saison bereits dreimal geschafft, ein Match im Hauptfeld eines W15-Turniers zu gewinnen, wobei sie vor wenigen Wochen in Kursumlijska Banja erstmals sogar unter den letzten acht stand.
Die einen sind gerade frisch dabei, für andere steht ihr Debüt in der Weltrangliste hingegen kurz bevor. Emily Eigelsbach ist noch eine 17-Jährige, deren Name man sich unbedingt merken sollte. Viele haben von ihr möglicherweise im Zusammenhang mit dem Juniorenturnier von Wimbledon schon einmal gehört, doch mittlerweile spielt die Bad Kreuznacherin auch bei den "Großen" mit und feiert bereits erste Erfolge. Mit sieben Punkten wird sie am kommenden Montag erstmals in der Weltrangliste zu finden sein.
Und dann sind da noch die unerwarteten Rückkehrerinnen, die uns demnächst wieder im Ranking begegnen werden. Ob Jantje Tilbürger sich zu Anfang der Woche hat träumen lassen, dass sie nur eine Woche später ihr Comeback gibt? In den vergangenen beiden Jahren hatte die 25-Jährige gerade einmal jeweils ein Match auf der Tour bestritten, nun trat sie nach langer Abstinenz in der Qualifikation beim W75-Turnier in Lexington/Kentucky an und schied erst dann aus, als ihre Punkteausbeute zweistellig war. Neben ihr nahm auch ihre Landsfrau Julia Zhu in Lexington am Turnier teil und erreichte wie Tilbürger ebenfalls das Achtelfinale. Da sie jedoch eine Wildcard für das Hauptfeld erhalten hatte, muss sie nun mit neun Zählern weiter auf ihr Debüt in der Weltrangliste warten, das sie in den vergangenen Jahren bereits des Öfteren knapp verpasst hatte.
Nicht weniger überraschend wie das Comeback von Jantje Tilbürger ist das, was Sophia Ksandinov in dieser Woche beim W15-Turnier im polnischen Bielsko-Biala abgeliefert hat. Die 19-Jährige, die aktuell kein Ranking mehr aufzuweisen hat, erreichte erstmals in ihrer Karriere das Halbfinale eines Profiturniers und sorgte so dafür, dass sie am Montag in einer Woche in die Weltrangliste zurückkehrt. Ein einziger Sieg fehlte ihr in dieser Woche und sie hätte ihren Platz mindestens für die nächsten 52 Wochen sicher gehabt. So erging es vor wenigen Monaten ihrer drei Jahre älteren Landsfrau Sophie Greiner, die Weltranglistenpunkte bis dato nur vom Hörensagen kannte und nun bis mindestens Juni 2027 zweistellig im Ranking vertreten sein wird.
Das deutsche Frauentennis hat in den vergangenen Wochen viele erfolgreiche Geschichten geschrieben, doch viele von ihnen erfahren nicht die Resonanz, die sie eigentlich verdient hätten. Ungewollte Aufmerksamkeit musste hingegen Jule Niemeier in den letzten Tagen über sich ergehen lassen, nachdem sie bis auf Platz 566 in der Weltrangliste abgestürzt war. Gut, dass sie in dieser Woche die einzig richtige Antwort darauf gibt.
Bild oben: Sophie Triquart (l.) vor ihrer Partie gegen die Chinesin Xinxin Yao in Horb
Bild unten: Francesca Parcelli (l.) und Eva Bennemann in Horb nach Ende ihrer Begegnung