Neue Zeiten in Bad Cannstatt
Wer in den letzten Jahren regelmäßig die Hauptfeld-Auslosung des Porsche Tennis Grand Prix vor Ort mitverfolgt hat, dem wird sich ein Satz, den er Jahr für Jahr von der sportlichen Leiterin Anke Huber zu hören bekam, im Gedächtnis eingeprägt haben. "Bei uns kann es schon in der ersten Runde zu Duellen kommen, die in einem Grand Slam-Turnier erst in der zweiten Woche möglich sind". Die Zuschauer, die gestern live mitbekommen haben, wie Tamara Korpatsch als erstes sich selbst zog, warteten auf diesen Satz diesmal vergeblich.
Tatsächlich war es jahrelang theoretisch möglich, dass die Nummer fünf der Welt in der ersten Runde auf die Nummer neun treffen konnte. Voraussetzung hierfür war lediglich, dass die Top 9 der Welt auch in Stuttgart am Start waren. Was sich beim Blick auf das gestern ausgeloste Hauptfeld womöglich anhört wie illusorisches Wunschdenken, war bis vor kurzem in Stuttgart gang und gäbe. Wer nicht in den Top 30 war, musste entweder auf Absagen hoffen oder den Weg durch die Qualifikation gehen.
Hier lohnt sich ein Blick auf das Jahr 2017, als Laura Siegemund ihren Sensationslauf aus dem Vorjahr in der Porsche Arena wiederholte und diesen diesmal mit dem Titelgewinn krönte. Zum Zeitpunkt der Meldung für das Hauptfeld stand die damals 29-Jährige auf Platz 37 der Weltrangliste. Dennoch war die Lokalmatadorin auf eine Wildcard angewiesen, um nicht erneut den Gang durch die Qualifikation nehmen zu müssen. Theoretisch hätten die Veranstalter auch auf die Vergabe dieser Wildcard verzichten können. In diesem Fall wäre der sogenannte "next-in player" aus der Meldeliste nachgerückt. Und dies wäre ebenso Siegemund gewesen.
Heutzutage müsste sie sich keine Gedanken mehr darüber machen, ob denn Platz 37 für die Teilnahme am Porsche Tennis Grand Prix ausreicht. Diesmal hat sie es geschafft, ohne überhaupt in den Top 50 zu stehen. Selbst Eva Lys, die mittlerweile aus den Top 70 gefallen ist, benötigte keine Wildcard, um beim Turnier im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt aufschlagen zu können. Diesmal konnte man es sich sogar leisten, mit Paula Badosa eine Wildcard an eine Spielerin zu verteilen, die nicht aus dem eigenen Land stammt. Bis zum letzten Jahr ein völlig undenkbares Szenario, lässt man die mittlerweile abgeschafften Top 30-Wildcards und den Doping-Skandal um Maria Sharapova außen vor.
So ist trotz des lukrativen Hauptpreises, der neben der Siegprämie noch einen schicken Sportwagen zum mit nach Hause beinhaltet, aus dem einzigartigen Porsche Tennis Grand Prix ein mehr oder weniger ganz normales WTA 500-Turnier geworden. Leider, muss man dazu sagen, denn was Anke Huber und ihr Team Jahr für Jahr im Hallenduo Porsche Arena und Schleyer-Halle auf die Beine stellen, ist aller Ehren wert.
Was für die anscheinend neuerdings mangelnde Attraktion dieses exklusiven Turniers verantwortlich ist, liegt dabei nicht in den Händen der sportlichen Leitung, es hat seine Ursache im immer mehr vollgestopften Kalender der WTA, wobei auch die ATP ihre Mitschuld daran trägt. Die ohnehin relativ kurze Sandplatzsaison, die mit Roland Garros bereits wieder zu Ende geht, leidet unter der fragwürdigen Idee, dass sich alle WTA 1000-Turniere möglichst über einen Zeitraum von zwei Wochen erstrecken müssen. Vier Wochen nur für die beiden Turniere von Madrid und Rom zu verplempern und nach einer Woche Pause direkt noch ein zweiwöchiges Grand Slam-Turnier in Paris dranzuhängen, ist vom zeitlichen Aufwand schlichtweg grenzwertig. Welche Topspielerin, die diese sieben Wochen einplanen muss, will da zuvor noch bei einem weiteren Turnier antreten, das dafür bekannt ist, mit das attraktivste Feld der Saison aufzubieten? Da erholt man sich lieber noch eine Woche vom "sunshine double", denn auch der Billie Jean King Cup, der gestern zu Ende ging, muss mittlerweile über jede Topspielerin froh sein, die sich diesen noch antut.
Wobei wir wieder beim Kalender wären. Das Finale des Porsche Tennis Grand Prix 2026 findet am 19. April statt und damit so früh wie nie zuvor. Als Laura Siegemund 2017 mit ihrem eben gewonnenen Porsche die Rampe heruntergefahren ist, war der nächste Tag ein Feiertag. Nicht Ostermontag, sondern der Tag der Arbeit. Damals dauerten alle Sandplatzturniere noch eine Woche und den Topspielerinnen blieben zwischen dem Ende des Turniers von Miami und dem Start des Porsche Tennis Grand Prix drei Wochen Pause zur Erholung. Heute sind es zwar immer noch zwei, nur gab es damals noch keine zwei Pflichtturniere im Februar in Doha und Dubai, wodurch man auch nach den Australian Open nicht zum Durchatmen kommt. Anders ausgedrückt: den Topstars wird immer mehr abverlangt, so dass sie in ihrer individuellen Turnierplanung immer weiter eingeschränkt werden.
Doch es besteht Hoffnung. Gerade beim Blick auf das diesjährige Feld in Stuttgart. Da sich die Dichte an Topstars etwas gelichtet hat, hat sich auch die Chance auf den Hauptgewinn für die Topspielerinnen erhöht, die nun einen Porsche mit nach Hause nehmen können, ohne gleich in der ersten Runde auf eine Top 10-Spielerin treffen zu müssen. Möglicherweise könnte das im kommenden Jahr für die eine oder andere eine Überlegung wert sein, wieder in die Porsche Arena zurückzukehren. Und je mehr dies tun würden, umso eher haben wir wieder das Turnier, wie wir es bis zum letzten Jahr auch kannten.
Turnier: WTA Stuttgart 2026