Die Frau, die aus dem Nichts kam
Die 22-jährige Sophie Greiner gehört mit Sicherheit zu den Tennisprofis, die wirklich nur eingefleischten Fans ein Begriff ist. In unregelmäßigen Abständen tritt sie des Öfteren im Jahr auf der Profitour an, ihre Ergebnisse haben bislang nicht darauf hingewiesen, dass in ihr ein verborgenes Talent schlummern könnte. In den vergangenen sechs Jahren gelang es ihr nur ein einziges Mal, sich über die Qualifikation einen Platz im Hauptfeld zu erspielen, ansonsten waren Qualifikationen bei W15-Turnieren über Jahre hinweg ihre Heimat. Bis vor wenigen Tagen deutete auch nichts darauf hin, dass sich dieser Umstand zeitnah ändern sollte.
2026 war Greiner bislang bei zwei Turnieren angetreten. Im Februar überstand sie in Manacor immerhin die erste Qualifikationsrunde, ehe das Turnier für sie bereits wieder beendet war, zwei Wochen später in Monastir sollten ihr sogar zwei Siege am Stück gelingen. Für die Teilnahme am Hauptwettbewerb reichte es dennoch nicht. Auch Weltranglistenpunkte kannte die 22-Jährige bislang nur vom Hörensagen.
Man muss den Hut vor solchen Spielerinnen ziehen, die trotz jahrelanger Ergebnisflaute den Kopf nicht in den Sand stecken und weiter daran glauben, dass ihnen eines Tages der große Durchbruch gelingen würde. Als aktuelles Beispiel kann man hier die Polin Maja Chwalinska aufführen, deren Name bis vor wenigen Tagen den meisten nur flüchtig begegnet sein dürfte, nun steht sie völlig unerwartet am Samstag im Finale eines Grand Slam-Turniers und findet sich in den Top 30 wieder.
Bis es bei Sophie Greiner so weit ist, dürfte noch viel, viel, Zeit vergehen. Deutlich wahrscheinlicher ist es wohl, dass dies niemals der Fall sein wird. Doch die Spielerin vom TC 1899 Blau-Weiss Berlin schreibt in dieser Woche ihre eigene Geschichte, deren letztes Kapitel ebenfalls noch auf sich warten lässt. Als sie letzte Woche im rumänischen Focsani anreiste, um am dortigen W15-Turnier teilzunehmen, hatte sie sich sicher nicht träumen lassen, dass ihr Aufenthalt auch fünf Tage später noch nicht beendet sei. Mehr als drei Partien hatte sie noch bei keinem Turnier nacheinander bestritten und auch in der Qualifikation in dieser Woche war sie lediglich an Nummer zehn gesetzt.
Immerhin blieb ihr so die erste Qualifikationsrunde erspart und auch das Aufeinandertreffen mit einer höher gesetzten Spielerin kam nicht zustande. Die an Nummer fünf gesetzte Anastasia Preda, planmäßige Gegnerin von Greiner in der letzten Qualifikationsrunde, verabschiedete sich bereits zuvor und so stand Greiner nach ihrem Auftaktsieg über Karina Capuzu deren Landsfrau Alexia Patru gegenüber. Der 6:2 und 6:3-Erfolg über die Rumänin war gleichbedeutend mit der zweiten erfolgreichen Qualifikation für Greiner in ihrer gesamten Karriere. Nur in Heraklion im Mai 2021 war ihr dies bislang gelungen. Dort scheiterte sie dann mit ihrer Landsfrau Adelina Krüger ausgerechnet in der ersten Runde an einer Lucky Loserin.
Dafür, dass es Greiner ausgerechnet in dieser Woche gelingen würde, ihren allerersten Sieg in einem Hauptfeld erringen zu können, sprach nach der Zuordnung der Qualifikantinnen zumindest auf dem Papier nicht viel. Mit der an Nummer vier gesetzten Rumänin Anamaria Oana stand ihr in der ersten Runde die Nummer 698 der Welt gegenüber. Nur noch einmal zur Erinnerung: die Deutsche selbst hatte noch nie in ihrer Karriere eine Weltranglistenposition inne. Dennoch feierte sie gegen die haushohe Favoritin einen historischen Moment: am 4. Juni 2026 erspielte sie sich ihrer allerersten Weltranglistenpunkt. Mit 5:7 und 2:6 hatte die Rumänin in dieser Partie nach einer Spielzeit von einer Stunde und 27 Minuten das Nachsehen, für ihre Gegnerin hingegen ergab sich nun die Möglichkeit, weiteres Neuland in ihrer Karriere zu betreten.
In ihrem allerersten Achtelfinale auf der Profitour, das aufgrund der Witterungsverhältnisse vor Ort erst am Freitag ausgetragen werden konnte, stand Greiner in ihrer vierten Partie zum vierten Mal eine Rumänin gegenüber. Alexia Ioana Tatu hatte sich wie ihre Gegnerin durch die Qualifikation gespielt und in der ersten Runde mit der Serbin Sara Kastakova eine der wenigen Spielerinnen im Feld besiegt, die nicht aus dem Gastgeberland stammt. Beflügelt von ihrem erstmaligen Achtelfinaleinzug schien die Deutsche nun richtig in Fahrt zu kommen. 87 Minuten dauerte diese Partie, ehe Greiner mit 6:2 und 6:2 das nächste Kunststück gelang und sich einen Platz unter den letzten acht sichern konnte. Ein Gefühl, das ihr bis dato vollkommen fremd war.
Und wenn sie schon mal da ist...aufgrund der wetterbedingten Verzögerungen stand für die 22-Jährige mit der Begegnung gegen die fünfte Rumänin, Wildcardspielerin Ana Ioana Varsa, noch eine weitere Partie am Freitag auf dem Programm. Dies bot ihr die Gelegenheit, ein weiteres Mal für Furore zu sorgen und ihren unglaublichen Weg, der sie in dieser Woche bislang bis ins Viertelfinale geführt hatte, weiterzugehen. Im Duell der beiden nicht in der Weltrangliste geführten Spielerinnen profitierte Greiner von der eklatanten Aufschlagsschwäche ihrer Gegnerin, die in der gesamten Partie nur zweimal ihren Aufschlag halten konnte, während der Deutschen sage und schreibe sieben Breaks gelangen. Das 6:3 und 6:2 nach einer Stunde und 16 Minuten machte jedoch deutlich, dass auch die 22-Jährige ihre liebe Mühe bei eigenem Service hatte. Ihr Einzug ins Halbfinale war dennoch nie ernsthaft gefährdet.
Somit liegt die Anzahl der siegreichen Partien von Greiner in dieser Woche bereits bei fünf. Sollte ihr am Samstag der sechste Streich gelingen, würde sie nicht nur ihren erstmaligen Finaleinzug feiern, sondern zudem am Montag in einer Woche erstmals in der Weltrangliste auftauchen und das mit mindestens zehn Punkten. Dieses Kunststück, mit der ersten erreichten Punktzahl überhaupt direkt ins Ranking einzuziehen, war zuletzt Tina Manescu gelungen, als sie im vergangenen August beim W35-Turnier in Erwitte aus der Qualifikation heraus bis ins Halbfinale gelangte und mit 15 Punkten ihr Weltranglistendebüt feierte. Sollte Greiner diese Woche in Focsani triumphieren, würde auch sie mit 15 Punkten debütieren.
Bevor die Deutsche sich Gedanken über eine mögliche Finalteilnahme machen kann, muss zunächst einmal ihre Halbfinalgegnerin feststehen. Diese wird ermittelt in der rein rumänischen Partie zwischen Cristiana Todoni und der an Nummer acht gesetzten Sara Victoria Balan. Damit stammt auch die sechste Kontrahentin von Greiner bei diesem Turnier aus dem Gastgeberland und die Chancen, auf eine mögliche rumänische Finalgegnerin stehen auch nicht schlecht. Finalgegnerin - auch an solche Begriffe wird sich die Deutsche in Zukunft gewöhnen müssen.