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Der gestörte WTA-Kalender

Die Inflation an großen Turnieren im WTA-Kalender hat seine Spuren hinterlassen. Die Idee, aus den beiden Turnieren von Doha und Dubai jeweils Turniere der Kategorie WTA 1000 zu machen, erweist sich zunehmend als Rohrkrepierer. Obwohl es eigentlich von allen Topspielerinnen erwünscht ist, dass sie bei Turnieren dieser Kategorie antreten, scheren sich einige wenig darum, welche Konsequenzen ihr Fernbleiben haben könnte und sagen ihre Teilnahme kurzfristig ab. Abstimmung mit den Füßen wird so etwas genannt. Gut, dass wenigstens die Hauptakteure noch ganz bei Sinnen sind.

Haben Sie schon einmal einen genauen Blick auf den Turnierkalender geworfen? Das ist ja wirklich mehr als grenzwertig, was da von den Topstars abverlangt wird. Die Wochen, in denen mal kein Turnier unterhalb der 1000er-Kategorie stattfinden, lösen sich nach und nach in Luft auf. Gerade wurde Elena Rybakina als neue Königin von Melbourne vereidigt, schon soll sie wenige Tage später in Doha aufschlagen. Und in der Zwischenzeit auch noch das Problem mit den acht Stunden Zeitverschiebung lösen.

Dabei ist die Zeitspanne zwischen Melbourne und Doha nur eines von vielen Problemen, die der aktuelle WTA-Kalender mit sich bringt. Denn kaum ist das Finale in Doha beendet, schon steht das nächste Highlight in Dubai an und auch da wird von allen erwartet, dass sie dort antanzen. Und nach Dubai dann endlich mal Pause? Denkste! Nix wie rüber übern Teich. Zwischen dem Finale von Dubai und dem Turnierstart in Indian Wells liegen gerade einmal zehn Tage. Einziger Trost für die Top 32 ist das Freilos in der ersten Runde, dafür müssen sie allerdings fast zwei Wochen dort ausharren, wenn sie den Titel gewinnen wollen. Selbiges gilt im übrigen auch für Miami, dem zweiten Teil des "sunshine double". Am 28. März wäre es mit dem Finale dort dann endlich geschafft.

Fürs erste. Denn was nun folgt, ist der Belagwechsel auf Sand. Das erste WTA 1000-Turnier auf der roten Asche findet in Madrid statt, immerhin drei Wochen nach Turnierende in Miami. Dass allerdings kaum eine Spielerin sich zuvor nicht auf dem neuen Belag einspielen würde, ist unrealistisch. Nicht umsonst gilt der Porsche Tennis Grand Prix als eine der beliebtesten Veranstaltungen unter der Weltelite und für sie zudem als Einstieg in die Sandplatzsaison.

Diese hat es dann auch in sich. Denn danach darf man sich vier Wochen lang nun zunächst in Madrid und dann in Rom die Zeit totschlagen. Die Ausweitung dieser beiden Turniere auf eine Dauer von jeweils zwei Wochen hat vielen anderen kleineren Sandplatzturnieren den Garaus gemacht, da schlicht und ergreifend der Platz im Kalender fehlt. Man darf gespannt sein, wie es sich mit dem neu in der Billie Jean King Cup-Woche angesetzten Hallenturnier in Linz - jetzt auch auf Sand - verhält. Erweist sich diese Idee als genialer Schachzug oder können die Upper Austria Ladies Linz zu diesem Termin keine namhaften Spielerinnen präsentieren? Zu wünschen wäre es ihnen in jedem Falle, nachdem sie seit vielen Jahren in diesem schwierigen Umfeld wirklich alles dafür tun, um eine erfolgreiche Veranstaltung auf die Beine zu stellen.

Nach Rom heißt es im übrigen kurz durchschnaufen, denn Roland Garros steht vor der Tür. Exakt eine Woche lang bleibt den Topstars Zeit für die Erholung und zur Vorbereitung auf den Höhepunkt der Sandplatzsaison, ehe am 6. Juni der zweite Grand Slam-Titel des Jahres vergeben wird.

Na, haben Sie mitgezählt? Bis zum Ende des Turniers in Roland Garros, das in Kalenderwoche 23 liegt, sind 14 Wochen davon mit sogenannten "Pflichtturnieren" besetzt. Das hört sich im ersten Moment wenig an, doch wenn man bedenkt, dass zwei davon zu Saisonbeginn vor den Australian Open liegen und die Topstars zudem verpflichtet sind, im Jahr eine gewisse Anzahl an WTA 500-Turnieren zusätzlich zu spielen, wird inklusive der ganzen unterschiedlichen Zeitzonen die Zeit zur Erholung ziemlich knapp.

Daher ist mit Wohlwollen zu beobachten, dass sich Widerstand unter der Crème de la crème des Profitennissports formiert. Hatten die Spielerinnen früherer Generationen noch die Möglichkeit, ihren Turnierkalender individuell zu gestalten, so sind sie heute in ein enges Schema gezwängt, welches letztlich zum Ziel hat, dass alle Topspielerinnen an denselben Turnieren teilnehmen, faktisch so wie alle Formel 1-Fahrer das ganze Jahr über auch auf denselben Strecken fahren. Wahrscheinlich hieß es deshalb damals "Porsche Race to Singapore"...

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