Direkt zum Inhalt

Das Scheitern der anderen

Der Suchbegriff "ida wobker" ist spätestens seit ihrem Auftritt beim TV-Sender Eurosport während der Australian Open in den Suchmaschinen dieser Welt allgegenwärtig. Bis vor wenigen Stunden waren die Ergebnisse, die man unter diesem Suchbegriff fand, relativ unspektakulär. Ihr Geburtsdatum kam einem relativ schnell entgegen, zudem stieß man auf ein paar Artikel, die sich mit ihr und ihrem Werdegang beschäftigten. Einer gewissen Beliebtheit muss sie sich dennoch erfreut haben, nicht umsonst zählt die 15-Jährige zu den am meisten gesuchten deutschen Spielerinnen im Netz.

Nach dem gestrigen Tag wird sich dieser Umstand wohl auch nicht so schnell ändern. Nur dass es diesmal nicht die Beliebtheit der deutschen Nachwuchsspielerin ist, die das Interesse vieler auf sich zieht, sondern ein Vorfall in der ersten Runde des Wettbewerbs bei den Juniorinnen in Wimbledon. Beim Stand von 0:6, 5:5 und 0:30 gegen die Rumänin Pop unterlief Wobker einer ihrer vielen leichten Fehler an diesem Tag. Aus Frust, wohl auch weil sie zuvor eine 5:3-Führung her schenkte, pfefferte sie ihren Schläger auf den Boden, der sich wenig später in den Zuschauerrängen wiederfand. Verletzt wurde bei dieser Aktion niemand, die darauffolgende Disqualifikation der 15-Jährigen war regelkonform.

Versuchen Sie es heute noch einmal mit dem Suchbegriff "ida wobker". Ihr Geburtsdatum wird schon nicht mehr separat angezeigt, stattdessen wird man überschüttet von Schlagzeilen zu ein und demselben Thema. Kein Medium ließ es sich entgehen, dieses gestrige Ereignis öffentlichkeitswirksam auszuschlachten. Eine 15-jährige Deutsche wird in Wimbledon nach einem Schlägerwurf disqualifiziert. Schlimm, schlimm, schon wieder versagt! Es scheint in Deutschland Mode geworden zu sein, dass man anderen lieber beim Scheitern zusieht als dass man sich über deren Erfolge freut. Das ist nicht nur im Tennis so, sondern im Sport allgemein und möglicherweise sogar in vielen anderen Lebensbereichen.

Es dürfte eine nicht geringe Anzahl an deutschen Fußballfans gegeben haben, die sich über das (mittlerweile regelmäßige) frühe Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft vor wenigen Tagen insgeheim tierisch gefreut haben. Der öffentliche Diskurs der "80 Millionen Bundestrainer" besagt ja, der Trainer habe in seiner jüngeren Amtszeit Fehler über Fehler begangen und das WM-Aus sei nur die logische Konsequenz seines Fehlverhaltens gewesen. Und was gibt es schöneres als Menschen dabei zuzusehen, wie sie Fehler begehen und daraufhin scheitern? Wahrscheinlich findet sich der eine oder andere darin selbst wieder, ohne es zu bemerken. Versagen gehört in Deutschland heutzutage ja anscheinend zum guten Ton.

Ein Beispiel über die Gemengelage in Deutschland in letzter Zeit bietet der Grand Slam-Triumph von Alexander Zverev in Roland Garros. Jahrelang durfte man medial verfolgen, wie jedes Ausscheiden des Deutschen bei einem Grand Slam-Turnier beinahe schon zelebriert wurde und ihm von Mal zu Mal immer mehr das Prädikat des Grand Slam-Versagers angeheftet wurde. Die Erleichterung darüber hätte also riesig sein müssen, als dieser an ihm haftende Makel endlich der Vergangenheit angehörte. Doch um ehrlich zu sein: so ein richtiger Jubel in Deutschland war danach nicht zu verspüren. Es wurde eher als ein "na endlich" wahrgenommen, als sei der Gewinn eines Grand Slam-Titels das normalste auf der Welt und Zverev hätte viel zu lange dafür gebraucht. Da hatte der Spott zuvor, der Hamburger würde eh nie einen Grand Slam-Titel gewinnen, wohl doch mehr Spaß gemacht.

Es ist nicht so, als wäre der Roland Garros-Triumph medial untergegangen. Nur seine Bedeutung wurde weit weniger hervorgehoben, als es eigentlich der Fall hätte sein müssen. Wahrscheinlich hätte eine Finalniederlage von Zverev mehr Aufsehen erregt. Dann hätten sich alle Kritiker in Deutschland wieder bestätigt gefühlt, dass der Hamburger bei Grand Slam-Turnieren regelmäßig versagt. Und so freuen sich viele heute insgeheim über die Disqualifikation einer deutschen Juniorin, die mit Sicherheit selbst genug damit beschäftigt sein wird, die Ereignisse des gestrigen Tages zu verarbeiten.

Wenige Stunden vor dem Aus von Wobker hatte übrigens mit Emily Eigelsbach eine zweite deutsche Juniorin in Wimbledon sensationell die nächste Runde erreicht. Vielleicht sollten Sie es mal mit diesem Suchbegriff probieren. Da landen Sie zumindest aller Voraussicht nach an der richtigen Adresse.


Turnier: Wimbledon 2026

Beitrag teilen