Das Phänomen Sonja Zhenikhova
Im August 2023 feierte die 15-jährige Sonja Zhenikhova ihr Debüt auf der Profitour. Beim W25-Turnier in Braunschweig hatte sie eine Wildcard für die Teilnahme am Hauptfeld erhalten. Für den ersten Sieg gleich im ersten Match reichte es für die junge Berlinerin leider nicht, doch immerhin einen Satzgewinn durfte sie bei ihrer Niederlage gegen ihre Landsfrau Joelle Steur feiern. 2:6, 6:3 und 3:6 lautete am Ende das Resultat bei ihrem einzigen Match, das sie in diesem Jahr auf Profilevel bestritten hatte.
Es sollte ein halbes Jahr dauern, ehe die temperamentvolle Berlinerin auf die Tour zurückkehrte. Doch auf den großen Durchbruch wartete sie 2024 noch vergebens. Mit einer Bilanz von 4:7 beendete die deutsche Nachwuchshoffnung diese Saison, in der sie bei den Erwitte Open erstmals aufhorchen ließ, als sie nach Siegen über Friederike Nolte und Josy Daems ins Viertelfinale einziehen konnte. Schon damals begeisterte sie mit ihrem offensiven Spiel, das bisweilen ziemlich riskant daherkam und daher auch als fehleranfällig galt.
Ihre größten Erfolge in ihrer noch jungen Karriere sammelte Zhenikhova 2025 im Doppel an der Seite ihrer Landsfrau Eva Bennemann. Zunächst folgte ein sensationeller Triumph beim Juniorenturnier von Roland Garros, als beide als krasse Außenseiterinnen am Ende den Titel mit nach Hause nahmen, einige Monate später holten sich Bennemann und Zhenikhova den Sieg bei den U18-Europameisterschaften und krönten dadurch eine erfolgreiche gemeinsame Saison.
Auch im Einzel sollte es endlich mit dem ersten Turniersieg klappen. Beim W15-Turnier im April in Antalya erreichte die damals 16-Jährige nicht nur ihr allererstes Finale auf der Tour, es gelang ihr zudem, am Ende auch den Titel einzufahren. Gegen die italienische Qualifikantin Gaia Maduzzi setzte sich die Berlinerin in drei Sätzen durch und sank nach verwandeltem Matchball zunächst vor Freude zu Boden.
Dieser Erfolg blieb überraschenderweise für lange Zeit der letzte Höhepunkt für Zhenikhova auf der Tour. Ihre Versuche, bei höher dotierten Turnieren auf heimischem Boden weitere Erfolge zu feiern, endeten mit fünf Auftaktniederlagen in Folge. Immerhin konnte sie gegen Ende des Jahres noch einmal Selbstvertrauen tanken, indem sie bei zwei W15-Turnieren jeweils bis ins Halbfinale gekommen war.
Auch die jetzige Saison begann für die 18-Jährige alles andere als erwartungsgemäß. Mit einer Serie von acht Niederlagen in Folge, worunter zudem sechs ziemlich böse Klatschen waren, erlebte das quirlige Energiebündel einen absoluten Horrorstart ins Jahr 2026. Das erste Halbjahr beendete sie mit einer Bilanz von 2:10 Siegen. Kein Wunder, dass Zhenikhova nach ihrem Erfolg in Kamen über Marie Weckerle, ihrem ersten seit fünf Monaten, die Freude gar nicht mehr aus dem Gesicht weichen wollte.
Doch die vergangene Niederlagenserie zeigte auch: so erfrischend offensiv ihre Spielweise auch war, genauso selten führte sie in dieser Phase zum Erfolg. Dabei gibt es gerade für Fans kaum etwas schöneres als Spielerinnen, die nicht nur ihr Herz und ihr Temperament auf dem Platz lassen, sondern zudem auch noch attraktives Tennis zeigen. Nur erfolgreich müsste es eben zudem noch sein. Tatsächlich bildete ihre Niederlage in der ersten Qualifikationsrunde in Stuttgart-Vaihingen auch den Abschluss ihres bisherigen Seuchenjahres. Ihre Partie gegen die Türkin Ipek Oz endete mit dramatischen Szenen, die damit endeten, dass Zhenikhova nach dem gespielten Matchball den Supervisor kommen ließ, da sie mit einer Entscheidung der Schiedsrichterin nicht einverstanden war. Verhindern konnte sie die Niederlage zwar nicht mehr, jedoch leitete diese das Ende vom "Alles-oder-nichts-Tennis" der Berlinerin ein.
Sechs Wochen später bei ihrem nächsten Auftritt auf heimischem Boden staunten die Zuschauer nicht schlecht, als Zhenikhova in Hamburg in der ersten Runde die weit vor ihr im Ranking platzierte Italienerin Laura Mair in drei Sätzen besiegen konnte. Die 18-Jährige präsentierte sich zwar offensiv wie eh und je, verstand es jedoch, ihr Spiel immer genau so anzupassen, wie es die Situation erforderte. Auch eine Woche später in ihrer Partie gegen ihre Landsfrau Lola Giza in Erwitte überraschte die Berlinerin nicht nur das Publikum, sondern auch ihre Gegnerin, die den ersten Satz prompt mit 4:6 abgeben musste. Als "temperamentvolle Offensive mit Köpfchen" könnte man das bezeichnen, was sie hier auf den Platz gezaubert hatte. Dass am Ende dennoch Giza den Platz als Siegerin verließ, ist der individuellen Klasse der 19-Jährgen geschuldet, die ohnehin als die große Aufsteigerin in dieser Saison zählt.
Ein Wort kennt Zhenikhova seit dieser Niederlage im Übrigen nicht mehr: Auftaktpleite. Fünf Turniere hat die Junioren-Grand Slam-Siegerin seitdem bestritten, nicht einmal galt es nach der ersten Partie, wieder die Koffer zu packen. Eine Erstrundenniederlage nach erfolgreicher Qualifikation, zwei Achtelfinals und ein Viertelfinale standen bei ihr zu Buche, als sie in dieser Woche beim W15-Turnier im bulgarischen Varna ihr Glück versuchte. Ein Ort, an den ihre Stamm-Doppelpartnerin aus Juniorenzeiten vor Jahresfrist ihren allerersten Titel einfahren und zudem gleich noch dem Turniersieg im Doppel feiern konnte. Doch Eva Bennemann, mittlerweile auf Platz 280 in der Weltrangliste vorgerückt, trat hier nachvollziehbarerweise nicht mehr zur Titelverteidigung an. Ob es tatsächlich ihrer einstigen Doppelpartnerin gelingen sollte, den Titel in Varna erneut nach Deutschland zu holen?
Die Auslosung ließ zunächst nicht darauf schließen. Mit der Slowakin Kali Supova stand ihr direkt zum Auftakt die Nummer sieben
der Setzliste gegenüber. Für die "neue" Sonja Zhenikhova dennoch kein Problem. Nach knapp zwei Stunden hatte sie mit dem 6:4 und 6:4 ihren fünften Auftaktsieg in Folge unter Dach und Fach und stand somit im Achtelfinale. Auch in dieses ging sie genau genommen als Außenseiterin, wobei dies beim Duell der Nummer 1043 der Welt gegen die Nummer 1021 nur bedingt eine Aussagekraft hat. Immerhin ging diese Partie über die volle Distanz, der Sieg der Berlinerin nach knapp drei Stunden Spielzeit war letztlich dennoch beim 6:2, 4:6 und 6:3-Erfolg ungefährdet.
Schon wieder eine Deutsche in Varna im Viertelfinale, so langsam durfte man von der Wiederholung des deutschen Triumphs beim Turnier in Bulgarien träumen. Mit der an Nummer drei gesetzten Kroatin Tara Würth stand der 18-Jährigen allerdings ein ganz anderes Kaliber gegenüber als es ihre bisherigen Gegnerinnen waren. Die 24-Jährige schien jedoch alles andere als auf ihre Gegnerin eingestellt zu sein. Zwar ging sie zu Beginn komfortabel mit 4:0 in Führung, danach spielte jedoch fast nur noch die Deutsche, die erst aus dem 0:4 ein 5:4 und später ein 7:5 machte. Im zweiten Satz, den Zhenikhova mit 6:2 für sich entschied, war von kroatischer Favoritenrolle überhaupt nichts mehr zu erkennen. Eine Stunde und 53 Minuten musste sie kämpfen, um in Varna ins Halbfinale einzuziehen, im Übrigen ihr allererstes in diesem Jahr.
Dort stand der deutschen Nachwuchshoffnung erneut eine gesetzte Spielerin gegenüber. Die an Nummer sechs gesetzte Felitsata Dorofeeva-Rybas lieferte sich mit der Überraschungshalbfinalistin nicht nur einen großartigen Kampf, sie hatte auch das entschiedende Quäntchen Glück auf ihrer Seite. Im ersten Durchgang, den die Favoritin am Ende mit 6:4 für sich entschied, hätte ebenso gut auch ihre Gegnerin das bessere Ende für sich haben können. Einen ärgerlich zustande gekommenen 2:5-Rückstand hatte die Deutsche beinahe egalisiert, da erspielte sich Dorofeeva einen Satzball bei 30:40 und nutzte diese Chance konsequent.
Alles muss eben irgendwann einmal ein Ende haben und für den Lauf der 18-Jährigen schien nun das Ende gekommen zu sein. Der zweite Durchgang war bei weitem nicht mehr so umkämpft wie der erste und so erhielt die Nummer 761 der Welt bei 5:3 die Chance, zum Match auszuservieren. Doch anstelle des zu erwartenden Matchgewinns zeigte Zhenikhova noch einmal, warum sie es bis hierhin bei diesem Turnier geschafft hatte. Statt eines Matchballs folgte der Breakball und das verdiente Break zum 4:5 aus deutscher Sicht. Und nicht nur das: Die Berlinerin wiederholte das Kunststück ein weiteres Mal und ging völlig unerwartet mit 6:5 selbst in Führung.
Und wenig später waren sie dann da: zwei Möglichkeiten, um den nicht mehr für möglich gehaltenen Satzausgleich zu schaffen. Doch vier Spielgewinne in Folge wollte ihr Dorofeeva dann doch nicht gönnen und so fiel die Entscheidung im darauffolgenden Tiebreak. Hier sah es zunächst doch danach aus, als ginge das Match seinem Ende entgegen. Wäre da nicht der unbändige Kampfeswille der Deutschen, die sich auch von einem 3:5-Rückstand nicht aus der Ruhe bringen ließ. Vier Spielgewinne in Folge waren ihr in diesem Satz zwar nicht vergönnt, dafür sorgten vier Punktgewinne nacheinander für dasselbe Ergebnis. Satzgewinn Zhenikhova - die U18-Doppel-Europameisterin war immer noch da.
Weit mehr als zwei Stunden waren zu diesem Zeitpunkt vergangen, doch das Drama hatte seinen Höhepunkt längst noch nicht erreicht. Würde die Favoritin nun vollends einbrechen oder muss ihre Kontrahentin den Anstrengungen der vergangenen Tage Tribut zollen? Eine Antwort darauf ließ zunächst auf sich warten. Zhenikhova startete äußerst schlecht mit einem Aufschlagverlust zu Beginn, bügelte diesen Fauxpas jedoch direkt wieder aus und blieb bei eigenem Aufschlag zunächst stabil. Da es jedoch auch ihrer Gegnerin in dieser Phase gelang, die hart umkämpfen Aufschlagsspiele mit Erfolg zu bestreiten, musste die 18-Jährige bis zum 4:3 aus ihrer Sicht warten, ehe sich ihr doch noch einmal die Chance auf ein Break eröffnete.
Der Ziellinie mit großen Schritten nähergekommen, packte Zhenikhova die Gelegenheit beim Schopf und ging erstmals in diesem Satz mit einem Break Vorsprung in Führung. Dies bedeutete gleichzeitig, dass sie nun mit eigenem Aufschlag die Partie zu ihren Gunsten beenden konnte. Doch dieses Unterfangen ging so schief, wie es nur möglich sein konnte. Zu null gab die Berlinerin ihr Service ab und musste nun befürchten, dass ihr schöner Vorsprung sich in Luft auflösen würde. Die Befürchtung erwies sich glücklicherweise als unberechtigt. Gleich mit zwei Punktgewinnen startete sie ins Aufschlagsspiel ihrer Gegnerin, ehe diese die Partie bei 30:30 noch einmal spannend machte. Das Finale vor Augen erkämpfte sich die 18-Jährige verdient ihren ersten Matchball, den sie direkt verwandeln konnte und somit morgen überraschend um den Titel in Varna kämpft.
Ihre Gegnerin am Sonntag ist die an Nummer acht gesetzte Rumänin Giulia Safina Popa, die ebenfalls heute für eine Überraschung sorgte, indem sie die Nummer zwer der Setzliste, die Griechin Sapfo Sakellaridi, ebenfalls in drei Sätzen aus dem Wettbewerb warf. Sie benötigte für ihren Finaleinzug lediglich zwei Stunden und 17 Minuten, während Zhenikhova dafür drei Stunden und 44 Minuten auf dem Platz ausharren musste.
Bilder (v.o.n.u.):
- nach ihrem verwandelten Matchball in Antalya
- nach ihrem Sieg in Kamen gegen Marie Weckerle
- in S-Vaihingen im Hintergrund, vorne diskutiert der Supervisor mit der Schiedsrichterin
- nach ihrer Partie in Erwitte gegen Lola Giza