Danke für nichts, WTA
Es fehlte nicht viel und das zweite Profiturnier des Jahres auf deutschem Boden wäre ohne Beteiligung einheimischer Spielerinnen in die entscheidende Phase gegangen. Nur einer grandiosen Aufholjagd Julia Stuseks ist es zu verdanken, dass man in Leimen heute zumindest noch mit einer deutschen Spielerin mitfiebern darf. Dabei könnten die Unterschiede zum ersten deutschen Turnier des Jahres vergangene Woche kaum größer sein. Da hatte man bis zur letzten Sekunde noch die Hoffnung, ein rein deutsches Finale erleben zu können. Davon ist man in Leimen weit entfernt.
Erfreuliches deutsches Abschneiden beim W75-Turnier in Altenkirchen, aber Enttäuschung pur beim W15-Turnier in Leimen - da könnte so mancher gleich wieder auf die Idee kommen, der deutsche Nachwuchs, den man bei Turnieren dieser Kategorie erwartet, wäre schlichtweg nicht konkurrenzfähig. Doch diese Analyse greift zu kurz. Das Problem ist nicht der deutsche Nachwuchs, das Problem ist, dass er in Leimen aus den unterschiedlichsten Gründen größtenteils gar nicht am Start war.
Gut, eine Tessa Brockmann, die in den Top 300 steht, wird man dieses Jahr eher in der Qualifikation von Roland Garros als bei einem W15-Turnier spielen sehen (es sei denn, sie träte bei ihrem Heimatverein in Kaltenkirchen an). Auch Eva Bennemann durfte man hier nicht erwarten. Als Titelträgerin eines W75-Turniers mit ähnlichen Aussichten wie Brockmann sind W15-Turniere für die Karriere zumindest im Moment wenig hilfreich. Logisch also, dass man auf diese beiden Namen in Leimen verzichten musste.
Aber da wären ja noch andere, denen man sehr wohl einen Start in Leimen zugetraut hätte und die mit Sicherheit ebenso Chancen gehabt hätten, heute noch im Wettbewerb zu sein. Dabei ist nicht nur die 19-jährige amtierende baden-württembergische Meisterin Pauline Glöckner gemeint, die man warum auch immer bei der Vergabe der Wildcards übergangen hat, die Rede ist zudem von zwei anderen Spielerinnen, die trotz ihres noch jungen Alters schon die eine oder andere Duftmarke auf der Tour hinterlassen haben.
Ohne Frage hätte eine Teilnahme von Mariella Thamm oder Ida Wobker den Baden Women's Cup aufgewertet. Doch man kann keiner der beiden Spielerinnen böse sein, dass sie sich gegen einen Start in Leimen entschieden haben. Denn bei dieser
Entscheidung schwingt noch etwas anderes im Hinterkopf mit. Und da kommt wieder einmal die WTA mit ihrer unsäglichen Altersbeschränkung ins Spiel, die es Thamm und Wobker zwar nicht unmöglich macht, für das W15-Turnier in Leimen zu melden, dennoch sei es zu Beginn des Jahres gut überlegt, wo man im Laufe der Saison teilnimmt und wo nicht.
Denn Thamm und insbesondere Wobker sind in ihrer Entscheidungsfreiheit dermaßen eingeschränkt, dass man im Zweifel doch lieber auf ein W15-Turnier im Februar verzichtet. Mit 16 darf Thamm zwischen ihrem 16. und 17. Geburtstag insgesamt zwölfmal für die Weltrangliste punkten, Wobker mit 15 bis zu ihrem 16. Geburtstag sogar nur zehnmal. Ihren Geburtstag feiern beide gegen Ende der Freiluftsaison. Und da Tennis nunmal in erster Linie eine Freiluftsportart ist, möchte man natürlich lieber dann sein Pulver verschießen und nicht in der Halle des Landesleistungszentrums in Leimen. Anders ausgedrückt: die Chancen auf eine Teilnahme der beiden hoffnungsvollen Nachwuchskräfte wären gegen Ende des Jahres möglicherweise größer, nur muss man eben auch die Monate vor Beginn der Freiluftsaison mit Wettbewerben füllen. Und es ist auch gut, dass es den Baden Women's Cup seit vergangenem Jahr gibt.
Die Intention der WTA bei der Einführung der Altersbeschränkung war ursprünglich, hochtalentierte Spielerinnen im jugendlichen Alter davor zu schützen, dass sie zu schnell zu viele große Erfolge feiern und damit zum Spielball der Interessen anderer werden und ihre Entwicklung in der Jugend dementsprechend Schaden nehmen könnte. Diese Intention ist auch richtig und selbstverständlich muss das Hauptfeld eines Grand Slam-Turniers nicht zu Dutzenden aus vielversprechenden 15-Jährigen bestehen. Doch darum geht es ja im Fall des Fernbleibens von Thamm und Wobker gar nicht.
Die Frage ist eher: muss man die Altersbeschränkungen wirklich so rigoros anwenden, dass sogar Turniere der untersten Kategorie darunter fallen? Was wäre denn, wenn man W15-Turniere von der Anzahl der erlaubten Punktzahlen ausnähme ? Was würde denn passieren, wenn eine 15-jährige Spielerin im Extremfall 18 mal 15 Punkte im Ranking stehen hätte? Mit 270 Punkten stünde sie irgendwo um Platz 250. Das reicht in der Regel nicht einmal, um an der Qualifikation bei einem Grand Slam-Turnier teilzunehmen und selbst auf WTA-Niveau käme man damit in der Regel maximal bei einem WTA 250-Turnier in die Qualifikation. Also nichts, womit man sagen könnte, es würden zu schnell zu große Erfolge gefeiert.
Seit Jahren gerät die aktuelle Regelung, die für alle Turniere gilt, bei denen Weltranglistenpunkte verteilt werden, immer wieder einmal in den Fokus. Als die 15-jährige US-Amerikanerin Cori Gauff ihre ersten Spuren auf der Tour hinterließ, gab es selbst prominente Fürsprecher wie Roger Federer, die die damals wie heute geltende "Age Eligibility Rule" in Frage stellten. Er hätte sie zwar am liebsten ganz abgeschafft, aber so weit sollte man doch nicht gehen. Es würde reichen, wenn man sie so modifizieren würde, dass in Zukunft auch Spielerinnen zu Jahresbeginn ohne Bauchschmerzen an einem W15-Turnier im eigenen Land teilnehmen können. Das wäre gut für das Turnier, gut für die Spielerinnen und für den Tennissport überhaupt. Denn das Interesse an einem Turnier hängt ohne Frage auch mit der Attraktivität des Teilnehmerfeldes zusammen.
Anmerkung: in der ursprünglichen Version entstand der Eindruck, als würden die jeweiligen Altersbeschränkungen für das jeweilige laufende Kalenderjahr und nicht zwischen den einzelnen Geburtstagen gelten. Dies wurde nachträglich deutlicher hervorgehoben.
Turnier: ITF Leimen 2026