Alter Wein in neuen Schläuchen
Man hätte als Überschrift für diesen Artikel auch "Und täglich grüßt das Murmeltier" wählen können, denn wieder einmal kam in den vergangenen Tagen ein Thema auf, das in unregelmäßigen Abständen immer wieder an die Oberfläche gelangt, ehe es dann nach und nach verschwindet, bis der nächste zu dieser Problematik wieder ein Fass aufmacht. Würden die Verantwortlichen jedes Mal handeln, wenn ein Profi einen neuen Vorschlag macht, würde man als Fan und wahrscheinlich auch als direkt betroffene Spielerin überhaupt nicht mehr wissen, wo einem der Kopf steht.
Die Rede ist natürlich von der neuesten Idee von Novak Djokovic. Dieser schlägt vor, anstelle des geltenden Formats außerhalb der Grand Slam-Turniere, dass die Sätze nicht mehr bis sechs gespielt werden, sondern nur noch bis vier. Im Gegenzug sollte nicht mehr "best-of-three", sondern "best-of-five" gelten, zudem sollte die No-ad-Regel eingeführt werden. Hintergrund ist, dass somit gewährleistet wäre, dass Matches in der Regel innerhalb eines Zeitrahmens von zwei Stunden durchgeführt werden könnten.
Jedes Mal, wenn irgendjemand mit einer vermeintlich neuen Idee um die Ecke kommt, hat man das Gefühl, man hätte dies schon in der Vergangenheit hundert Mal gehört. Tatsache ist, dass alle Vorschläge, auch die früheren, darauf abzielten, die Matches noch kürzer zu gestalten. Warum bringt niemand einmal eine neue Idee auf wie beispielsweise die Kürzung der Preisgelder, wenn man schon weniger dafür auf dem Platz stehen will?
Das Paradebeispiel für Geldgier ist das neue, zurecht kontrovers diskutierte, Mixed-Format bei den US Open. Da melden auf einmal Spielerinnen und Spieler für diesen Wettbewerb, die von professionellem Doppelspiel kaum eine Ahnung haben. Doch darum geht es gar nicht. Das Turnier liegt geschickt in einer Zeit, in der man ohnehin nichts besseres zu tun hat und zudem wird man ja für ein bisschen auf dem Platz stehen fürstlich entlohnt. Dass man dadurch die Doppelspezialistinnen einer ihrer ohnehin nicht zahlreichen größeren Einnahmequellen beraubt, scheint die Topstars nicht zu interessieren. Da können sie noch so scheinheilig einen Presseboykott bei den Grand Slam-Turnieren "zum Wohle der anderen Spielerinnen" anzetteln.
Doch zurück zur neuesten Idee aus dem Hause Djokovic. Es gab und gibt ja weiterhin Formate, die sozusagen als Test für alternative Regeln herangezogen werden wie beispielsweise die NextGen Finals der ATP. Hier gehen die Sätze seit Jahren schon nur bis vier, doch einen ernsthaften Vorschlag vonseiten der Verantwortlichen, dies flächendeckend für ATP und WTA einzuführen, gab es bislang noch nicht. Und um ehrlich zu sein aus gutem Grund. Mit der Verkürzung der Sätze steigt die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende der Tiebreak für die Satzentscheidung herangezogen werden muss. In 14 von 15 Partien bei den Next Gen Finals 2025 lautete das Ergebnis von mindestens einem Satz 4:3. Somit würde Tennis immer mehr zu einem Lotteriespiel als es ohnehin schon in den Wettbewerben ist, bei denen ein Matchtiebreak den dritten Satz ersetzt.
Noch sind davon nur ATP/WTA-Doppelwettbewerbe sowie Qualifikationsmatches auf W15- und W35-Ebene betroffen, mit der Verkürzung von sechs auf vier Spielgewinne pro Satz wäre es jedoch der Sport komplett. Daher kann man davon ausgehen, dass sich auch diesmal in naher Zukunft nichts am traditionellen Format mit sechs Spielgewinnen pro Satz ändern wird. Dass irgendwann einmal No-ad eingeführt oder der Netzaufschlag abgeschafft wird (wie heute bereits im Juniorenbereich), steht auf einem anderen Blatt.
Apropos Doppelwettbewerbe. Denen möchte ja die ATP an den Kragen gehen. Da sie für die Veranstalter finanziell nicht lukrativ sind und sich das öffentliche Interesse daran auch in Grenzen hält, sollen alle Doppelfelder bei ATP-Turnieren in naher Zukunft halbiert werden. Wo 32 Paare am Start waren, sollen es zukünftig nur noch 16 sein, aus den Tableaus mit 16 Paarungen sollen zukünftig acht werden. Der nächste Schritt wäre dann wohl die komplette Abschaffung der Doppelkonkurrenz.
Hätte man ein ernsthaftes Interesse daran, Doppel wieder attraktiver zu machen, müsste man am Preisgeld ansetzen. Die US Open zeigen doch gerade, dass man die Spielerinnen nur genügend locken muss und schon kommen sie angesprungen. Laura Siegemund hat für ihren Titel im Mixed einst mit Mate Pavic zusammen $150.000 erhalten, heute erhält das Siegerduo mal locker eine Million. Und das in einem lächerlichen Format, das gerade einmal über drei Tage geht. Insofern darf man der USTA als Initiator dieses "Comedy-Wettbewerbs" nicht einmal einen Vorwurf machen. Das ist so, wie wenn Spieler auf der einen Seite den vollen ATP-Kalender kritisieren und dann im Gegenzug in den Monaten außerhalb der Tour einen Terminkalender haben, vollgespickt mit Schauturnieren und Schaukämpfen anstatt sich in dieser Zeit zu regenerieren. Am Ende siegt eben doch das Geld. Zumindest bei den US Open hat man das begriffen.